Denk Orte. Max-Planck-Gesellschaft und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Brüche und Kontinuitäten.

DenkOrte
Max-Planck-Gesellschaft und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Brüche und Kontinuitäten 1911-2011.
Herausgegeben von Peter Gruss und Reinhard Rürup unter Mitwirkung von Susanne Kiewitz
Fester Einband, 384 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.11. 2010
Verlag: Sandstein Verlag Dresden
ISBN 973-3-942422-01-7
Preis: 38 €

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Denk Orte. Max-Planck-Gesellschaft und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Brüche und Kontinuitäten.

Die Max-Planck-Gesellschaft beging 2011 das 100-jährige Jubiläum ihrer Vorgängerorganisation, der traditionsreichen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Diese war 1911 auf Initiative von Kaiser Wilhelm II gegründet worden, von privaten Mäzenen, Bankiers und Industriellen mitfinanziert, um die deutsche Grundlagenforschung an die Weltspitze zu katapultieren. Innerhalb weniger Jahre avancierte die außeruniversitäre Forschungsorganisation zur mächtigsten und einflussreichsten Institution im Deutschen Reich, die ihren renommierten Wissenschaftlern in  Instituten Freiheit und Geld für kreative Pionierleistungen in der Wissenschaft einräumte. Mit 15 Nobelpreisen schrieb die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Wissenschaftsgeschichte. Dynamik und Fortschrittsglaube bestimmten die junge Organisation, die mit Max von Laue, Albert Einstein, Max Planck, Otto Hahn und Richard Willstätter die Forscherelite ihrer Zeit an die Gesellschaft band.

Seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre stellte sich die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in den Dienst des NS-Regimes. Einige Forscher überschritten ethische Grenzen, in dem sie chemische Kampfstoffe entwickelten oder an KZ-Häftlingen Menschenversuche unternahmen. Die Allierten bestanden deshalb nach Kriegsende auf einer Auflösung der Organisation. 1948 wurde die Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen bewußt neu gegründet, um die Einbettung der Organisation in die demokratische Struktur der Bundesrepublik sicherzustellen. Gleichzeitig wurzelte die junge Gesellschaft in ihrem Denken weiterhin in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, deren Verstrickung in der NS-Zeit in der Anfangszeit negiert wurde.

Vorsichtiger Bruch mit der KWG-Tradition

Mitte der achtziger Jahre begann in der Max-Planck-Gesellschaft ein Umdenken und damit ein kritischer Umgang mit der Geschichte der Vorgängerorganisation. 1997 setzte die Max-Planck-Gesellschaft eine unabhängige Historikerkommission als erste deutsche Forschungsorganisation ein, die den Verstrickungen einzelner Institute und der Gesellschaft insgesamt auf den Grund ging. Gleichzeitig übernahm die Max-Planck-Gesellschaft die moralische Verantwortung für Verfehlungen ihrer Vorgängerorganisation.

Das Jubiläum 2011 bedeutet eine erneute Zäsur. Mit dem Essayband "DenkOrte", die der renommierte Historiker Reinhard Rürup wissenschaftlich betreute, knüpfte die Gesellschaft an das kulturwissenschaftliche Konzept der "Erinnerungsorte" an. Damit sollten Kontinuitäten und Diskontinuitäten beider Gesellschaften am Beispiel der Institute und ihrer Gebäude haptisch aufgezeigt werden.  2011 hatten nur ein Viertel der Max-Planck-Institute Wurzeln in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Der Foto-Essayband beschreibt deshalb Institute, deren Standort nicht gewechselt haben wie das Fritz-Haber-Institut, untergegangene Orte wie das Kaiser-Wilhelm-Institut für Meeresbiologie in Rovigno und Institute, die einen Bezug zu Kaiser-Wilhelm-Instituten besitzen, auch, wenn sie mehrfach ihren Standort gewechselt haben.

In dem Artikel "Im Zeichen der Minerva" analysiere ich die ambivalente Vergangenheitspolitik der Max-Planck-Gesellschaft anhand von Gedenkfeiern, Medaillen, Büsten und Symbolen. Während die MPG sich in den Anfangsjahren nahtlos in die Tradition der KWG einzureihen suchte, zwang sie die Konfrontation mit Vergangenheit ihrer Vorgängerorganisation im Dritten Reich dazu, sich langsam zu lösen und als eigenständige Gesellschaft zu emanzipieren.