Die Enkel des 20. Juli 1944

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 30.06.2004
Aktuelle Ausgabe : 30.06.2004
Verlag : Faber & Faber
ISBN: 9783936618402
Fester Einband 348 Seiten
Sprache: Deutsch

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Die Enkel des 20. Juli 1944

Familientraumata können Auswirkungen bis in die Enkel- und Urenkelgeneration haben. Während ab den achtziger Jahren die Folgen des Nationalsozialismus auf die Nachkommen von NS-Tätern und Shoah-Opfern in Romanen verarbeitet und der Wissenschaft erforscht wurden, blieb es in den Familien von Widerstandskämpfern lange Jahre ein Tabu, mögliche seelische Auswirkungen zu benennen. In den späten neunziger Jahren machte ich mich deshalb auf die Suche nach "anderen" Enkeln, um die von mir beobachtete "Spirale des Schweigens" in den Familien besser zu verstehen. In meiner reflektierten Doppelrolle als Enkelin des Generaloberst Henning v. Tresckow und des Monarchisten und Journalisten Erwein v. Aretin sowie als Historikerin und Journalistin führte ich über fünfzig intensive Gespräche und Interviews.

Die Porträts verschiedener Enkel werden in dem Buch eingebettet durch vorangestellte Sachkapitel. Mir war wichtig, die persönlichen Porträts in den zeithistorischen Kontext zu stellen. So schildere ich, wie die Nationalsozialisten nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 Rache an den Nachkommen nahmen, die ebenfalls verhaftet wurden oder als Söhne und Töchter unter falschem Namen in das Kinderheim nach Bad Sachsa im Harz gebracht wurden. Außerdem zeichne ich den schwierigen wie ambivalenten Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit dem 20. Juli nach, in der die Mehrheit der Deutschen die Widerstandskämpfer als Landesverräter betrachtete.

Bundespräsident Theodor Heuss rehabilitiert die als Landesverräter beschimpften Widerstandskämpfer

Eine vorsichtige Wende führte der erste Bundespräsident Theodor Heuss mit seiner bewegenden Rede am 10. Jahrestags des Attentats 1954 herbei, in der er die moralische und ethische Bedeutung des Widerstands betonte.  Da die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit keine Renten an die Witwen und Waisen der ermordeten Widerstandskämpfer zahlte, gründeten überlebende Widerstandskämpfer mit staatlicher Unterstützung die "Stiftung Hilfswerk 20. Juli", die später in die "Stiftung 20. Juli" überging.

In meinem Buch analysiere ich die zunehmend ritualisierten alljährlichen Gedenkfeiern in den Zeitläuften, die sich allmälich von der familiären Gedenkfeier zum Staatsakt wandeln. Außerdem interessierte mich, warum die Generation der Söhne und Töchter sich vor allem politisch mit dem Widerstand ihrer Väter und deren Motiven auseinandersetzte. Einen breiten Raum nimmt deshalb der damals vernachlässigte familiäre Diskurs über dem Widerstand ein. Der Umgang der Großmütter mit dem auch belastenden Erbe bestimmte sehr wesentlich, die Offenheit mit der in Familien über den Widerstand diskutiert werden konnte - jenseits von Heldenverehrung.

Porträts

  • Die Ethnologin Beatrix Heintze und der Leipziger Textilunternehmer Walter Cramer
  • Die Krankengymnastin Constanze Kuntze und der Gewerkschaftler Hermann Maaß
  • Der italienische EU-Diplomat Corrado Pirzio-Biroli und der deutsche Botschafter Ulrich v. Hassell
  • Die Therapeutin Maria-Theresia Rupf-Bolz und der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz
  • David Heinemann und der SPD-Politiker und Journalist Julius Leber
  • Der Journalist Jens Jessen und sein gleichnamiger Großvater, der Staatswissenschaftler Jens Jessen
  • Der Filmproduzent Clemens Schaeffer und Oberstleutnat Karl Ernst Rahtgens
  • Der Bühnentechniker Christian Lindemann und General Fritz Lindemann
  • Der Rechtswissenschaftler Hermann Pünder und sein gleichnamiger Großvater
  • Die Künstlerin Sascha Hendrikoff und der Landwirt Michael v. Hofacker und ihr Großvater Oberstleutnant Cäsar v. Hofacker