Mit Wagemut und Wissensdurst: Die ersten Frauen in Universitäten und Berufen

Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Elisabeth Sandmann Verlag; Auflage: 1 (12. Februar 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 394554338X
ISBN-13: 978-3945543382

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Mit Wagemut und Wissensdurst: Die ersten Frauen in Universitäten und Berufen

»Studenten gibt es hier vierzehnhundert, Damen sind wir bis jetzt nur drei ...« Margarete von Wrangell

"Wirklich Kinder, ich bin so stark und leistungsfähig wie in meinem Leben noch nie. Und ich finde das Leben so unsagbar schön“, schreibt die Schweizer Architektin Lux Guyer 1921 an ihre Schwestern aus Paris von ihrer Grandes Tour, die sie quer durch Europas Galerien, Museen und Architekturbüros führt. Als eine der ersten Architektinnen eröffnet sie 1924  in Zürich ein eigenes Büro, das in Zeiten guter Aufträge bis zu 30 Mitarbeiter beschäftigt.

Um ihren Studienwunsch durchzusetzen, brauchen die Pionierinnen Verbündete, Mutter, Onkel, Freundin, den Vater oder eine Cousine. Die Schweiz erweist sich früh als Eldorado für Studierwillige. So lässt die Universität Zürich seit den 1860er Jahren Russinnen zum Medizinstudium zu, die den Weg für das Frauenstudium ebnen. In Österreich dürfen Frauen sich regulär seit 1897 an der Philosophischen Fakultät einschreiben, Preußen öffnet sich dem Frauenstudium sogar erst 1908. Viele Studentinnen der ersten und zweiten Generation entstammen dem liberalen Bildungsbürgertum, darunter viele mit jüdischen Wurzeln.

 Pionierinnen oder Grünschnäbel und Blaustrümpfe sind eine Erfindung der Satire

Vor allem in prestigeträchtigen Fächern wie Jura, Medizin und Theologie fürchten sich Männer vor Autoritäts- und Machtverlust. Fragwürdige Argumente werden ins Feld geführt:  Frauen verfügten über ein „wenig leistungsfähiges Gehirn“ oder ihre „seelische Labilität“ machten sie ungeeignet für Männerberufe. Satirezeichner karikieren die Studentinnen als „Blaustrümpfe“ mit dicker Brille. Tatsächlich sind die tatkräftigen Akademikerinnen oft verheiratet, haben Kinder und/oder sind in ein Netzwerk von Freundinnen, Kollegen und Familie eingebunden.

Nach dem Studium habilitieren sich die Pionierinnen, arbeiten im Labor, in der Arzt-und Anwaltspraxis oder als Unternehmerinnen – und sorgen parallel für Familie und Freunde. Im Deutschen Reich können Frauen erst nach 1921 habilitieren. An Hochschulen finden sie deshalb meist keine Anstellung – außer sie lehren als schlecht bezahlte Privatdozentinnen. Mehr Chancen bieten außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie die deutsche Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft - am besten in innovativen Nischenfächern wie der Radiochemie oder der Mathematik.

 Frauen gründen Berufsverbände und Clubs der berufstätigen Frauen

„Ich stand als Schönheitschirurgin am Beginn einer glanzvollen und sehr ertragreichen Karriere“, äußert die Breslauerin Edith Peritz rückblickend in ihrem Entschädigungsantrag. Im Berlin der zwanziger Jahre gründet die junge Chirurgin eine florierende Schönheitspraxis, engagiert sich berufspolitisch und etabliert deutschlandweit den ersten „Club berufstätiger Frauen“, in dem die Crème de la Crème der „neuen Frauen“ zusammenkommt, darunter die Schauspielerin Tilla Durieux und die Journalistin Gabriele Tergit.

Zielgerichtet gründen die Unangepassten nach dem Ersten Weltkrieg wegweisende Frauenberufsverbände und Akademikerinnenverbände. Sie wissen, dass sie nur international vernetzt die drohende gesellschaftliche Isolation überwinden können. Als die Nationalsozialisten 1933 Frauen systematisch aus den Berufen drängen, erweisen sich die Netzwerke als so tragfähig, dass es einer Reihe von ihnen gelingt, nach der Emigration erfolgreich in den USA oder der Türkei durchzustarten, während andere von den Nationalsozialisten ermordet werden. Die erste Gießener Archäologie-Professorin Margarete Bieber wandert in die USA aus und lehrt mit über 50 Jahren in Princeton; die erste österreichische Romanistik-Professorin Elise Richter kommt mit ihrer Schwester, der Theaterkritikerin und Anglistin, Helene in Auschwitz um.

 Porträtiert werden 21 Frauen

  • Magdalene Schoch, die erste habilitierte deutsche Juristin und Gründerin des ersten deutschen Zonta-Clubs
  • Hilda Geiringer, österreichisch-amerikanische Mathematik-Dozentin
  • Greti Caprez-Roffler, als Schweizerin erste Pfarrerin Europas, Mutter von sechs Kindern
  • Maria von Linden, erste Tübinger Studentin, erste deutsche Titularprofessorin, Biologin
  • Marietta Blau, österreichisch-amerikanische Radiophysikerin, die für den Nobelpreis nominiert war, ohne ihn je zu erhalten
  • Margarete Bieber, deutsch-amerikanische Archäologin und Kunsthistorikerin, zweite deutsche Professorin, erste Gastdozentin in Princeton
  • Margarete Carrière-Bellardi, Geografin, leitet das Berliner Harnack-Haus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, wo sich die Wissenschaftselite trifft
  • Carola Giedion-Welcker, deutsch-schweizerische Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, Freundin der klassischen Moderne samt Künstler
  • Hedwig Bleuler-Waser, schweizerische Historikerin, Schriftstellerin, Präsidentin des Schweizerischen Bundes abstinenter Frauen
  • Elly Heuss-Knapp, abgebrochene Volkswirtschaftsstudentin, Werbefachfrau, Gründerin des Müttergenesungswerks, Bundespräsidentengattin

  • Frieda Fromm-Reichmann, deutsch-amerikanische Ärztin, Psychoanalytikerin, Vorbild für Dr. Fried in "Ich hab Dir nie einen Rosengarten" versprochen
  • Magdalena Neff, erste deutsche Pharmaziestudentin und erste deutsche approbierte Apothekerin
  • Lux Guyer, Schweizer Architektin mit eigenem Büro, Chefarchitektin der SAFFA-Ausstellung in Bern, baut und richtet Villen in Zürich-Küsnacht ein
  • Edith Peritz, deutsche Ärztin, erste deutsche Schönheitschirurgin mit eigener Praxis, Gründerin des ersten deutschen Soroptimisten-Clubs
  • Käte Ahlmann, Gärtnerlehre, Stahlunternehmerin in Schleswig-Holstein, Mitbegründerin des Verbands deutscher Unternehmerinnen

 Im Doppelporträt

  • Die Freundschaft zwischen der österreichischen Physikerin Lise Meitner und der deutsch-baltischen Biologin Elisabeth Schiemann
  • Die Schwesternbeziehung zwischen der Wiener Theaterkritikerin und Anglistin Helene Richter der ersten Romanistik-Professorin Elise Richter
  • Die Freundschaft zwischen der Chemikerin und Sozialreformerin Marie Baum und der Historikerin und Schriftstellerin Ricarda Huch